Buch "Von der Dampflok zum ICE"

Nachricht: Ein (hoffentlich nicht) ganz normaler Samstag

Der Wetterbericht hatte fürs Wochenende nach wochenlang trübem Himmel sonniger werdendes Wetter angesagt und so war klar, dass ich den Samstag nicht zum Ausschlafen würde nutzen wollen. Die Freitagsfrage hieß daher: Wo soll es morgen hingehen? Dampfloks fotografieren auf den Strecken Ostseebad Kühlungsborn West - Bad Dobearn oder Putbus - Göhren, oder doch Bauzugloks fotografieren auf der gerade im Umbau befindlichen Strecke Güstrow - Rostock? Die Wahl fiel nach hartem Ringen mit mir (schade, dass das Klonen auf einen selbst noch nicht schadlos anwendbar ist - zu gern wär' ich überall gleichzeitig) auf die Strecke Stralsund - Pasewalk, da hier seit dem 10.12.2005 Loks der BR 145 (Railion DB Logistics AG) mit IC-Zügen der DB Fernverkehr AG unterwegs sein sollen.
Ziel der morgens beginnenden Reise war der zum Haltepunkt zurückgebaute ehemalige Bf Ferdinandshof. Nach der Ankunft hieß es Stativ aufbauen, Kamera drauf, Belichtung messen, Schärfe einstellen und warten. Warten, warten, warten. Unterdessen wurde es bei frühlingshaften Temperaturen immer sonniger und die Wahrscheinlichkeit, dass gerade bei der Zugvorbeifahrt die 'Wolke vom Dienst' alles vermasselte, sank beständig. Gegen Mittag dann das erhoffte IC-Rauschen von Norden her und es kam - der Steuerwagen. Am Nordende hing aber auch keine 145'er, sondern eine 101'er. Pech im doppelten Sinne. Verdammt, ich weiß aber doch auch, dass hier fast alle IC's mit südlichem Steuerwagen laufen. Und beim längeren Nachdenken erinnerte ich mich an die Wendezugfähigkeit der BR 145, so dass diese Loks, trotz Zugehörigkeit zur Railion DB Logistics AG, nicht immer ziehen müssen. Vorher nachdenken kann daher nützlich sein. Na gut, jammern hilft nicht und so beschloss ich, mein Motiv stand noch immer 'sahnemäßig' im Licht, auf eventuelle Sonderleistungen zu warten. Hier hatte ich ja schon den verspäteten und mit BR 109 (Westfälische Almetalbahn GmbH) bespannten Nachtzug Malmö C (S) - Berlin, Triebwagenüberführungen der Usedomer Bäderbahn, außerplanmäßige Düngemittelzüge und die dispomäßig verkehrenden Ganzgüterzüge Russland - Ruhland (BASF) u.z. (russische Kesselwaggons!) fotografieren können. Kaum hatte ich diesen kühnen Gedanken beendet, war von Norden her erneutes Zugrauschen zu hören. Mein Magen überschlug sich voller Vorfreude ob der 'fetten Beute' und es ging ein zaghafter Blick gen Himmel: Es muss wohl doch einen geben, der es gut mit mir meint. Das Rauschen wurde lauter und lauter und dann war er da, der im besten Sonnenlicht laufende und von 482 006 der SBB Cargo AG gezogene und normalerweise über Neustrelitz - Berlin verkehrende Kesselzug Rostock Seehafen - Stendell Wbf. Schnell auf die Leiter gesprungen und die Belichtung speichern - doch plötzlich das nichts Gutes verheißende Blinken des Batteriesymbols im Kameradisplay. Oh, oh! Zum Batteriewechsel war es jetzt eh zu spät und so hoffte ich, dass das Teil zumindest noch wenige Sekunden durchhält. Doch alles Bangen hatte sich innerhalb kürzester Zeit erledigt, da das Display erlosch. Zwar gibt es noch so etwas wie rein mechanischen Kamerabetrieb, doch die Verschlusszeit von 1/125 s ist jenseits von Gut und Böse. Und so fuhr 482 006 samt Anhang laut polternd an mir vorbei, derweil ich laut schreiend auf der Leiter stand. Am liebsten hätte ich in die nahe gelegenen Betonquader beißen wollen.
Nachdem ich mir gedanklich mehrmals gegen das eigene Schienenbein getreten hatte, verbrachte ich den Rest des Tages mit dem Auflauern weiterer Züge, doch war auch das nur von mäßigem Erfolg gekrönt. Der spätnachmittägliche internationale Güterzug Szczecin Gumience (PL) - Rostock Seehafen überraschte mich durch sein extrem verfrühtes Verkehren bei der Motivsuche, so dass nur ein halbwegs interessantes Foto herauskam. Als krönenden Abschluss des Tages hatte der nachfolgende und planmäßig mit ziehender (!) BR 145 (Railion DB Logistics AG) verkehrende IC-Wendezug eine 101'er (DB Fernverkehr AG) als Vorspann. Dass weiterhin die Sonne mit aller Macht schien, sei hier nur noch am Rande erwähnt. Ich hätte heute doch ausschlafen sollen, denn ausgeschlafen war ich heute garantiert nicht. Nach solchen Tagen fragt man sich in schöner Regelmäßigkeit, warum man nicht leidenschaftlicher Schachspieler o.ä. geworden ist. Doch wenn man Tage später erneut an der Strecke steht, die warme frische Luft in die Lunge saugt, die wärmende Sonne genießt und das aus den hölzernen Eisenbahnschwellen dunstende Schweröl riecht, dann weiß man wieder: Eisenbahnfotografie macht irgendwie doch Spaß.

Thomas Kunsch, Mai 2006

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